Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim - Info-Mail 26.November 2023
https://neckarwestheim.antiatom.net


Liebe Atomkraftgegner*innen, liebe Energiewender*innen,

die Ampel-Regierung hat Halbzeit und die politischen Turbulenzen nehmen zu. Dabei startete die neue Regierung von SPD, Grünen und der FDP mit einem Koalitionsvertrag, der das Motto hatte: „mehr Fortschritt wagen“. Dieses Motto steht schon lange allerdings nur noch auf dem Papier. Energiepolitisch sollte ein neuer Kurs eingeschlagen werden, der vor allem die Energiewende stark beschleunigt und am Atomausstieg festhält. Dann folgten die unnötigen Laufzeitverlängerungen von drei Atomkraftwerken bis April 2023. Es folgte die unsägliche Diskussion der FDP und CDU/CSU zum Wieder-Hochfahren der abgeschalteten AKWs. Die Umsetzung der Energiewende rückte in den Hintergrund. Fossile Strategien mit Flüssiggas und Wasserstoff sind inzwischen das Hauptthema.
Warum planen in Europa jetzt mehrere Länder den Bau von neuen Atomkraftwerken? Und warum wollen sogar einige den beschlossenen Atomausstieg rückgängig machen?

Auswirkungen der neuen EU-Taxonomie mit Atom und Gas

Das negative Kernstück der seit 2023 geltenden neuen EU-Taxonomie für den Energiebereich ist die unsägliche Festlegung, dass Atom und Gas im Rahmen eines „green deal“ als umweltfreundlich eingestuft und gefördert werden
. Damit wird die weitere Energiewende in ganz Europa massiv ausgebremst und behindert. Der Bau von fossilen Gaskraftwerken und vor allen Dingen der Neubau von Atomkraftwerken wird damit auf die politische und wirtschaftliche Tagesordnung gesetzt. So soll es doch möglich sein, den laufenden Betrieb und Neubauten von Atomkraftwerken zu fördern und zu subventionieren.

Dies ist der Grund, warum jetzt wieder die Debatte um neue Atomkraftwerke, die Absichtserklärung und Planungen in mehreren Ländern losgetreten wurden. Dabei beginnt der AKW-Betrieb mit dem gesundheits- und umweltschädlichen Uranabbau, mit der Urananreicherung. Und der AKW-Betrieb ist die Voraussetzung für den militärisch atomaren Bereich mit Atombombe, Flugzeugträger, U-Booten usw.
Die radioaktive, gesundheitliche Gefahr wird für viele Jahrzehnte durch Atomkraftwerke mit den beschlossenen Laufzeitverlängerungen und durch neue AKW , die viele Jahrzehnte eine radioaktive gesundheitliche Gefahr darstellen, in Europa drastisch erhöht, das ungelöste hochradioaktive Atommüllproblem verschärft.

Zu dieser EU-Taxonomie passt auch die Personalentscheidung für den neuen EU-Klimakommissar als Nachfolger von Frans Timmermanns. Dies ist der Niederländer Wopke Hoekstra, der jetzt die Umwelt- und Klimapolitik der EU verantwortet. Für seine Wahl waren die Stimmen der Grünen entscheidend. Er bringt reichlich fossile Erfahrung mit, da er längere Zeit für den Shell-Konzern gearbeitet hat und als Angestellter von McKinsey dort auch fossile Großkunden betreute. So geht Lobbyismus auf EU-Ebene.

Das EU-Ziel bis 2030, die Treibhausgase um 55% zu senken und bis 2050 klimaneutral zu werden, wird so vollkommen unrealistisch!
Diese Taxonomie und deren nationalstaatliche Umsetzung muss gekippt werden!

Auf unserer Homepage findet Ihr einen neuen Info-Flyer zu der neuen EU-Taxonomie. Diesen gerne herunterladen und verteilen!
https://neckarwestheim.antiatom.net/artikel/1618


Start der Energiewende und neue fossile Strategien

Mit verschiedenen Gesetzen wurden beim Start der Ampel-Regierung neue Zielsetzungen zur Energiewende eingeleitet, um vor allen Dingen den Zubau bei Wind und Photovoltaik zu beschleunigen. Leider sind immer noch Ausbremsregelungen für neue Energiewende-Anlagen in Kraft, wie zum Beispiel der Zwang zur Beteiligung an Ausschreibungen für jedes Windrad und jeden Windpark. Ausgenommen sind Bürgerwindräder in begrenztem Umfang. Darüber hinaus gibt es bei den Vergütungsregelungen noch Klärungsbedarf, damit eine Sicherheit für die Anlagenlaufzeit bei Wind und Photovoltaik über 20 bis 25 Jahre zur Finanzierung besteht.

Seit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wurde leider eine neue fossile Strategie eingeschlagen. Statt erst recht mit dem raschen weiteren Ausbau der Energiewende fossiles Gas und Öl immer mehr einsparen zu können, wurde und wird versucht russische, fossile Lieferungen weltweit zu ersetzen.

Flüssiggas, LNG-Terminals und Wasserstoff mit Milliarden-Förderung

Mit Beschleunigungsgesetzen wurden bereits 2 Flüssiggas-Terminals neu gebaut. Insgesamt sind 12 Terminals geplant, die mit vielen Milliarden gefördert werden. Diese Terminals hätten dann eine größere Kapazität, als ursprünglich Gas aus Russland bezogen wurde. Dies ist erschreckend, da LNG und Flüssiggas extrem Klima- und umweltschädlich sind. Bei der Gewinnung werden giftige Chemikalien eingesetzt und es entweicht bei allen Prozessen das klimaschädliche Methan. Flüssiggas kann nur mit mehreren Umwandlungsschritten transportiert werden und muss für den Schiffstransport auf über minus 160 Grad gekühlt werden.

Jetzt werden Verträge zur Lieferung über mehrere Jahrzehnte abgeschlossen, auch mit undemokratischen Ländern. Die Regierung übernimmt dafür Bürgschaften und subventioniert direkt. Unter anderem hat die EnBW einen Vertrag zur Lieferung von Flüssiggas aus den USA mit Lieferungen bis 2046 abgeschlossen!

Auch die neue Wasserstoff-Strategie der Regierung wird mit 40 Milliarden subventioniert. Die Wasserstoffproduktion benötigt große Wassermengen. Wasserstoff soll aus Kanada, Norwegen und vielen afrikanischen Ländern wie Senegal, Nigeria, Namibia und Angola bezogen werden, auch aus Regionen, in denen die Menschen schon lang unter den Folgen des Klimawandels leiden. In Afrika gibt es laut UNHCR bereits 25 Millionen Klimaflüchtlinge. Es herrscht ein Wassermangel, weshalb die Ernährung und die Landwirtschaft insgesamt problematisch sind.

Beispiel Namibia:
Die Bundesregierung hat unter Beteiligung von deutschen Firmen mit Namibias Regierung ein Abkommen zur Produktion von Wasserstoff abgeschlossen. Das Projekt hat ein Invest-Volumen von 10 Milliarden Dollar, dies entspricht dem jährlichen Bruttoinlandsprodukt von Namibia. Es soll eine der größten Wasserstoff-Anlagen weltweit errichtet werden. Zur Deckung des hohen Wasserbedarfs wird an der Küste eine große Meerwasser-Entsalzungsanlage gebaut, mit Pipelines zur Elektrolysefabrik. Den Menschen in Namibia hilft das nicht.

Problem Erzeugung, Umwandlung und Transport von Wasserstoff
Bei einem Bezug von Wasserstoff über lange Strecken aus fernen Ländern gibt es bis zu 7 Umwandlungsschritte mit jeweiligen Energie-Verlusten, so dass dann nur noch ein kleiner Teil der ursprünglichen Energie zur Verfügung steht.
Deshalb geht es bei der Energiewende immer um die direkte Nutzung von Strom und Wärme aus Erneuerbaren, die keine Umwandlungskaskade benötigt. Erneuerbarer Strom kann direkt ohne Umwandlungsverluste genutzt werden.
Mit der Flüssiggas- und Wasserstoffstrategie der Bundesregierung werden mit hohen Milliarden-Summen neue fossile Infrastrukturen geschaffen, neue Öl- und Gasfelder erschlossen, Erzeugungs-, Transport und Verteilstrukturen für den jahrzehntelangen Betrieb errichtet. Die rasche weitere Energiewende wird ausgebremst und die Klimaziele bis 2030 und 2045 werden so ganz sicher nicht erreicht.

Richtig wäre jetzt erst recht: mit einem Milliardenprogramm der öffentlichen Hand auf bundes-, landes- und kommunaler Ebene in Wind, und vor allem in Photovoltaik und Solarthermie zu investieren und kurz- und mittelfristig teures und klimaschädliches Gas und Öl einzusparen und zu ersetzen.


Aktueller Stand der Energiewende in Deutschland

Die regenerative und dezentrale Energiewende führt zu neuen Besitz- und Produktionsverhältnissen bei Erzeugung, Speicherung und Verteilung und wird vorwiegend auf regionaler Ebene geplant und umgesetzt und überregional eingebunden. Es gibt viele klimafreundliche Energiewende-Anlagen. Hauptakteure sind alle Bürger*innen, die sich engagieren und vor allen Dingen die Stadtwerke, sowie Betriebe und Unternehmen, die ihren eigenen Strom und Wärme erzeugen wollen. Die direkte Nutzung von Erneuerbaren ist am effektivsten, verursacht die geringsten Kosten und ist umwelt- und klimafreundlich. Dies gilt beim Strom, der Wärme und bei der Mobilität.

Die atomaren und fossilen Konzerne haben und wollen weiterhin große zentrale Produktions- und Verteilstrukturen, die ihnen gehören und womit sie gut verdienen. Sie wollen möglichst lange noch ihre klimaschädlichen, fossilen Kraftwerke betreiben, wobei sie für neue Gaskraftwerke hunderte von Millionen Euro Subventionen erhalten. Siehe hier zum Beispiel die EnBW mit ihrer Absicht, in Heilbronn ihre Kohlekraftwerke in Gaskraftwerke umzubauen. Sie sind die Nutznießer der „Flüssiggas, LNG- und Wasserstoff-über alles-Strategie“.

Die Energiewende wurde 2017 mit Ausbremsgesetzen zum Erliegen gebracht, vor allen Dingen deren wichtigsten Standbeine Wind und Photovoltaik. Wir wären sonst heute schon nahe an der 100% erneuerbaren Stromerzeugung. Trotz der neuen Ampel-Ausbaugesetze ist der Zubau bei neuen Windrädern noch relativ niedrig. Photovoltaik ist wieder durchgestartet, hier können Bürger*innen und Firmen auch kurzfristig agieren und nicht so ausgebremst werden.

So gibt es in 2023 inzwischen über 3 Millionen Photovoltaikanlagen (PV). In diesem Jahr wurde die Rekordzahl von fast 700.000 neuen PV-Anlagen mit einer Leistung von 9200 Megawatt (MW) errichtet, das Ausbauziel von 9000 MW in diesem Jahr also erreicht. PV erzeugt inzwischen 15% des Stroms in Deutschland.

Bis September wurden bei der Windenergie bundesweit 2500 MW neu installiert. Dies liegt noch deutlich unter den jährlichen Zubau-Zielen von jeweils 10.000 MW bis 2030. Hier ist das größte Hindernis der Ausschreibungszwang und die Unsicherheit bei der Entwicklung von Einspeisevergütungen. Die gesetzlich vorgeschriebenen Flächen müssen erst bis 2027 und 2032 ausgewiesen werden, dies ist viel zu spät.
Allerdings erzeugt die Windenergie inzwischen mit über 25% den größten erneuerbaren Stromanteil, mit insgesamt 32.000 Windrädern, wobei von den Photovoltaik-Anlagen und den Windrädern nur 6% den bisherigen Energiekonzernen gehören.

Die erneuerbaren Energien haben in 2023 mit 58% (Stand Oktober) einen neuen Rekordwert bei der Nettostromerzeugung in Deutschland geleistet!
Die rasche weitere Energiewende benötigt den Zubau vor allem bei Wind (an Land), Photovoltaik und Solarthermie und begleitend die technisch bereits möglichen größeren Speicher.


Gute Bücher:

Wer sich selbst zu den Themen Energiewende und Uran informieren möchte oder Geschenke sucht, folgende aktuelle Vorschläge von uns:
- Volker und Cornelia Quaschning - Energie Revolution jetzt, Hanser Verlag
- Horst Hamm, Das unheimliche Element. Die Geschichte des Urans zwischen vermeintlicher Klimarettung und atomarer Bedrohung, Oekom Verlag


Beste Anti-AKW- & Energiewende-Grüße
vom Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim

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